Oxytocin und Massage: Erfahrungswerte in neuem Licht

Neuere Untersuchungen haben ergeben, daß die Oxytocin-Ausschüttung der Mutter beim Stillen nicht nur durch das Saugen, sondern auch - wie bei anderen Säugetieren - durch ein angeborenes Programm von händischen Manipulationen des Säuglings an der mütterlichen Brust induziert wird, die man durchaus als eine Art von Massage verstehen kann. [Matthiesen et al. 2001] Auch sonst scheinen streichelnde, rhythmische Berührungsreize an der Haut zur Ausschüttung von Oxytocin zu führen, wie sich sowohl in Tierversuchen als auch am Menschen zeigen ließ. [Kurosawa et al. 1995; Lund et al. 2002; Wikstrom et al. 2003] Viele der wohltuenden und gesundheitsfördernden Wirkungen von Massagen, die in vielen Kulturen als praktischer Erfahrungswert bekannt sind und die auch in wissenschaftlichen Untersuchungen verschiedentlich nachgewiesen wurden (auch wenn diese Untersuchungen oft schwer zu vergleichen und zu interpretieren sind [vgl. Martin 2003; NCCAM 2004; Dryden et al. 2004]) lassen sich im Zusammenhang mit den neuen Erkenntnissen über die Wirkungsweise des Oxytocin-Vasopressin-Systems sinnvoll erklären. Massage führt zu Entspannung, Beruhigung und Wohlbefinden, reduziert Streß-Hormone, senkt Blutdruck und Pulsfrequenz (sogar bei Hypertoniepatienten [Olney 2005]), mindert das Schmerzempfinden und fördert Heilungs- prozesse.

Eine Studie zeigte, daß Probandinnen, die erst von ihrem Partner massiert wurden, in einer anschließenden Streßsituation signifikant weniger gestreßt und auch erfolgreicher waren, komplexe mathematische Aufgaben zu lösen als die Probandinnen in der nicht-massierten Kontrollgruppe. [Heinrichs et al. 2004]

Daß die Oxytocin-vermittelte Streßreduktion die Fähigkeit, intellektuelle Aufgaben zu lösen erhöht und somit auch das Lernen erleichtert wirkt nachvollziehbar. Damit scheinen regelmäßige Massagen insbesondere bei Kindern und Jugendlichen vielversprechend, zumal wenn man die durch Oxytocin gleichzeitig gesteigerte Bereitschaft zu sozialer Kooperation mit ins Kalkül zieht. Erfahrungen aus der Jugendpsychiatrie [Field et al. 1992] bestätigen diese Annahme ebenso wie ein groß angelegtes Experiment in Schweden, bei dem über sechs Monate in Schulen und Kindertagesstätten die regelmäßige Massage der Kinder in den Tagesablauf einbezogen wurde. Schon nach kurzem beurteilten Betreuer und Eltern der massierten Kinder diese als merklich ausgeglichener, sozial reifer und weniger aggressiv. Die Gruppendynamik hatte sich verbessert und die Kinder klagten weniger über physische Beschwerden. Eine Folgestudie nach neun Monaten zeigte, daß diese Effekte nicht nur anhielten, sondern sogar noch ausgeprägter geworden waren. [Uvnäs-Moberg 2003]

Solche Ergebnisse eröffnen nebenbei auch neue - und bisher wenig gesehene - Aspekte auf die derzeit viel diskutierte Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) bei Kindern und Jugendlichen. Regelmäßige Massagen (und der Oxytocin-induzierte Effekt von "calm and connection" [Uvnäs-Moberg 2003]) könnten sich hier als ein ange- messeneres, langfristig kalkulierbareres und damit volkswirtschaftlich letztlich ökonomischeres Therapiekonzept er- weisen als die oft allzu eilfertig verschriebene chemische Wunderwaffe Ritalin. [Field et al. 1998; Khilnani et al. 2004]

Die vorangegangenen Ausführungen sollten zum einen deutlich machen, daß die jüngsten Erkenntnisse über die vielfältigen Funktionen des Hormons Oxytocin ein neues und strahlendes Licht auf zahlreiche bisher erfahrungspraktisch bekannte, aber nicht wirklich erklärte bzw. verstandene Wirkungen von Massagen werfen. Wirkungen, die bisher mit vagen (und in manchen Kreisen nur belächelten) Konzepten wie "psychisch", "psychosomatisch" oder einfach "allgemein wohltuend" gerechtfertigt wurden, erhalten plötzlich einen ungemein stabilen und validen physiologisch-endokrinologischen Unterbau.

Zum anderen sollten diese kurzen Ausführungen ein Aufruf sein, einen suchenden Blick zu entwickeln für weitere, aber bisher noch nicht explizit hergestellte Parallelen zwischen Oxytocin- und Massagewirkung.

Um nur ein Beispiel zu geben: eine australische Arbeitsgruppe [Reader et al. 2005] konnte bei der Behandlung von Alkoholentzugspatienten durch Massage deutliche Fortschritte registrieren (im Vergleich zur nicht-massierten Kontrollgruppe): Puls und Atmung waren reduziert, die subjektive Einschätzung der Patienten verbesserte sich, desgleichen die Werte auf der Alkoholentzugsskala (AWS: Alcohol Withdrawal Scale). Auf der anderen Seite zeigten wiederum verschiedene Tierexperimente, daß die Verabreichung von Oxytocin sowohl die Appetenz, die Wirkung und auch die Entzugserscheinungen von Rauschmitteln zu dämpfen vermag (Kokain, Heroin, Ethanol). [Kovacs et al. 1998] Man wird vermutlich nicht fehlgehen, wenn man hier einen Zusammenhang vermutet.

Was in diesem Artikel nur angedeutet werden konnte, sollte idealiter für die Leserin und den Leser vor allem ein Ausgangspunkt sein. Wünschenswert wäre es, wenn die stetig zunehmende Forschungsliteratur über Oxytocin und dessen Wirkungen fortan auch im Kreise der Orthopäden, physikalischen Therapeuten und Masseure kritisch rezipiert und mit den eigenen praktischen Erfahrungen in Beziehung gesetzt würde. So ließen sich mit Sicherheit alsbald noch weitere, fruchtbare Hypothesen über die Wirkungsweise von Massagen gewinnen, die schließlich - und das ist das zweite große Desideratum - in künftigen wissenschaftlichen Studien reliabel, objektiv und valide überprüft werden könnten.

Nach diesem forschungspolitischen Wunsch sei noch ein allerletzter gesundheitspolitischer Wunsch erlaubt. In Anbetracht der mannigfaltigen, wohltuenden Wirkungen, die Massagen und verwandte physikalische Therapien qua Oxytocin nachgewiesenermaßen zu erzielen vermögen: wäre es da nicht sinnvoll, Massagen erheblich freigiebiger zu verschreiben als derzeit? Auch als Prävention und Prophylaxe. Und natürlich als Therapie, sowohl für sich wie als flankierende Maßnahme zu anderen Therapien.


Die Belege für die spezifischen und allgemeinen Wirkungen scheinen jedenfalls so überzeugend, daß ein medizinisch und ökonomisch vernünftiges und auf Nachhaltigkeit bedachtes Gesundheitssystem kaum daran vorbei können wird.

(Quelle: Autor: Dr. med. Peter Lenhart)


Streicheleinheiten für die Seele

- Massage hilft Depressiven -

Schmerzen. Im Kopf. Im Nacken. Man ist starr, leblos, fühlt nichts mehr. Wie versteinert. So sprechen Depressive, wenn sie über sich und ihren Körper berichten. Gefangen in tiefer, grundloser Traurigkeit, jenseits von Lust und Sinnlichkeit. Und gefangen in einem Körper, der nichts Angenehmes mehr registrieren kann. Sollte man solchen Menschen mit sanfter Massage, mit Einölen, Streicheln und Kneten helfen können? Mit Wellness also? „Erst habe ich gedacht, die meisten Kranken würden eine Massage ablehnen“, sagt der Mediziner Bruno Müller-Oerlinghausen von der Berliner Charité rückblickend. „Aber dann stellte sich heraus, dass es den meisten ganz erstaunlich gut tat.“

Müller-Oerlinghausen ist alles andere als ein Alternativmediziner. Als Vorsitzender der Arzneikommission der deutschen Ärzteschaft legte er sich sogar mit vielen der Alternativheiler an, weil er, ganz korrekt-nüchterner Preuße, wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit ihrer Verfahren forderte. „Das geht nicht“, sei ihm stets erwidert worden, erinnert sich Müller-Oerlinghausen. Gleichzeitig hatte ihn schon immer gestört, wie berührungsfeindlich und verkopft die Psychiatrie war. So schlug Müller-Oerlinghausen zwei Fliegen mit einer Klappe. Er testete ein alternativmedizinisches Verfahren – Wellness-Massage – streng wissenschaftlich auf seine Wirksamkeit. Zugleich tat er etwas gegen die Körperfeindlichkeit der Seelenheiler.

Insgesamt 32 depressive Patienten bekamen entweder eine leichte einstündige Massage oder nahmen an Entspannungsübungen teil. Es stellte sich heraus, dass beides ein positives Resultat hatte, ganz besonders aber die Massage. Angespanntheit, Unruhe, depressive Stimmung und körperliche Verspannung gingen zurück. Weiterer Vorteil: Um die Massagetechnik zu erlernen, ist keine komplizierte Ausbildung nötig.

„Viele Patienten haben zu der Masseurin gesagt: Bei Ihnen spüre ich wirklich, dass Sie etwas von Ihrer Sache verstehen!“ Müller-Oerlinghausen sieht dieses Lob auch als Kritik an der herkömmlichen Psychiatrie. „Wir könnten mehr machen, als Medikamente verabreichen, ab und zu ein Gespräch zu führen oder Beschäftigungstherapie zu verordnen“, sagt er selbstkritisch. „Deshalb ist diese Studie so provozierend.“ Hartmut Wewetzer

(Quelle: Der Tagesspiegel vom 23.03.2004 )